Warum ich eine Hose trage

Ist es immer noch lustig, wenn man durch die überfüllten Straßen im Prenzlauer Berg zieht? Da wo entnervte Eltern ihre kauzigen Kinder (Ja, richtig, Alliterationen!) vor sich her jagen? Die Antwort müsste in gut 99% der Fälle ein eindeutiges Nein sein.

Doch heute ein König, heute ein Hoffnungsschimmer.

Kind A verfolgt Kind B, das neben dem Mülleimer steht. Der Vater schiebt Kind C auf dem Fahrrad. A will zu B aufschließen, doch die Hose rutscht. Wir sind aber Kinder, wir haben noch kein Schamgefühl. Anders der Papa, der ruft: „InsertBeliebigenKindernamenHere, deine Hose!“ Kind A dreht sich herum und grinst einfach nur breit. In der Zwischenzeit habe ich es geschafft an diesem Elend vorbeizuradeln, da tut es einen Schlag. Das ist natürlich übertrieben, denn es war vielmehr ein Patsch. Vom Schweigen erfüllte Sekunden folgen, in denen man sich fragt, ob das Kind jetzt erstickt oder einfach nur nachdenkt, ob das gerade weh getan hat. Und dann bricht es los, das Martinshorn der Kleinwüchsigen. Eine Katastrophe.
Wir halten zwei wichtige Erkenntnisse fest:

  1. In-Ear-Kopfhörer sind ein Segen.
  2. Schamgefühl ist Klasse. Es sorgt dafür, dass du nicht auf die Fresse fliegst.

Grand Prix Protokoll

Gestern Abend saßen Armin und ich beisammen, um dem Eurovision Song Contest zu folgen. Hier ist eine Mitschrift unserer Gedanken und Einschätzungen unterteilt in Plus (+) und Minus (-) Punkte sowie gesonderte Kommentare.

Rumänien
+ Italienisches Flair
– wenig rumänische Klischees (Klebstoff schnüffelnde Kinder + Armut) auf der Bühne, Jeans beim Opernsänger, die Frau sieht aus wie ein 70er Jahre Bondgirl

Großbrittanien
+ macht auch nach dem Tod des Vaters bei seiner Geburt noch weiter mit der Musik, Chris Martin singt im Background
– schlecht gemischt (das Schlagzeug ist teilweise lauter als der Gesang)

Albanien
+ man sieht den ersten Bauchnabel, Einsatz der Windmaschine, die Sängerin ist 16 Jahre alt (ein gutes Alter für einen Karrierestart, wie wir von GNTM wissen), das Wort „Peng“ steckt im Liedtitel
– sie hat eine große Zahnlücke, zuviel Schminke, Gestus und Mimus sind unbeholfen

Deutschland
+ die Kranke ist dabei, rumänische Klischees auf der Bühne (trotz Lucy aus Bulgarien!), man kann beinahe unter die Röcke gucken
– singen in Gardinen (was hat D! da gemacht?), „the stars know how to spell your name“, längster Tonaussetzer bisher, man will nicht bei dicken alten Frauen unter den Rock gucken

Armenien
+ steiler Zahn, heiße Zahnarzthelferin
– tanzender argentinischer Zopp lenkt ab, Zahnarzthelferin, klauen die Pyro von Deutschland, Lamettakleidchen, argentinischer Zopp darf unter ihren Rock gucken, wir nicht

Bosnien & Herzegowina
+ der Typ hat rote Schuhe, noiseparts, man kann untern Rock gucken
– der Typ aus dem Wäschekorb kann nich singen, die Band fehlt

erster (Geheim-)Favorit aka. erster Song am Abend den man nicht scheiße sondern eher ganz nett findet

erste Pause

Israel
+ Fahne sah erst nach Griechenland aus, dann auch viel Patros im Song, Sänger hat seine Homies mitgebracht, schön viele Grautöne (signal- bis neongrau)
– Song von Dana International geschrieben, sein Oberteil hat keine Ärmel

Finnland
+ „Beton“ im Bandnamen ist gut, Double Bass, Typ kann Bass spielen ohne Saiten zu geifen, Windmaschine, He-Man spielt bei denen Gitarre, nicht so antiquitierte Scheiße
– zu wenig Stoff, neuer Rekord bei langen Aussetzern, Linkshänder in der Band

Kroatien:
+ 75cent, Gitarrist hat vor zwei Tagen noch vorm Pasternak Akkordeon gespielt (that’s showbusiness!), blutgefülltes Flaschenxylophon
– Straßenmusikergypsigedudel; gaaaaaaanz doll langweilig!, der Alter scratcht auf dem Grammophon

Polen
+ Elton (nicht John sondern der von Raab) spielt Flügel, im Wort „Polen“ kommt das Wort „Po“ vor (noch besser in English!), das Gerücht geht um, die Sängerin sei vorgestern im Solarium eingeschlafen
– häßliche Frau, die Brüste fallen fast raus, Arielle, die Meerjungfrau-Kleid, Nebeleinsatz, „Isis G“ ist kein Name

Island
+ „this is my life“ klingt nach Haddaway, der Typ sieht aus wie ein richtiger Islander, Schulterpowergesten, ist so schlecht, dass man Zeit findet den Text zu formatieren
– pinke Ärmel scheinen durch, better don’t listen to the lyrics, sie hat das Brunhilde-Syndron und illustriert damit, dass Island mal von Norwegern besiedelt wurde

Türkei
+ richtige Stromgitarren
– Schlagzeuger hat das Lied eingezählt, überschminkte Männer, schöne 3:50 min. Egalrock

zweite Pause

– Kristina und Bane machen Kinderfernsehfrühprogrammanimationen und springen immer wieder von der Seite ins Bild

extra: Wenn man in Belgrad sieben Tage die Woche arbeitet und sieben Nächte die Woche feiert, ist dann die Arbeit schwach oder sind die Parties scheiße?

Portugal
+ ein unglaublicher Resonanzkörper von Frau
– Pathos, hat Capoeirakämpfer auf der Bühne, die kein Capoeira machen, ich verstehe kein Wort muss aber beinahe weinen

Lettland
+ „breitbeinig gegröhlte Chanteys“, Buh-Rufe aus dem Publikum, Steuerrad auf der Bühne, es besteht die Chance, dass die nicht wieder ins Heimatland einreisen dürfen
– Köstüme sehen aus, wie im Heidepark Soltau geklaut, eine Schande fürs Baltikum, Bild-in-Bild-Effekte, nach dem Auftritt würde Störtebecker darum BITTEN, ihm den Kopf abzuhauen

Schweden
+ glitzerndes Dildo-Mikrofon, sie ist s/w und der Rest ist Blau, „it’s raining men“-Anleihen
– typisches Schönheits-OP Katzengesicht, singt belanglos von irgendwelchen Helden, wenn sie winkt, winkt der Unterarm zurück, bringt mich bald dazu mein Austauschstudium in Schweden aufzugeben

Dänemark
+ erster Song der schon mal da gewesen war, „die fanden letztes ja den Roger ziemlich gut…zumindest optisch“
– Hosenträger, wenn er vor hat wie im Lied besungen happy und glücklich zu sein, sollte er das mal seinem Gesicht sagen

Georgien
+ Behindertenbonuspunkt, Feuer aus Ärmeln, in weiß gehts
– die Klamotten

extra: die Frau kann zum Glück nicht sehen, wie sie angezogen wurde

Ukraine
+ Penis auf der Grüßpostkarte,  schöne synthetische 70er Jahre Bläser…oder sowas, es ist durchaus möglich, daß man ihr gerade unter den Rock gucken konnte, „Wenn ihr Arsch singen könnte, könnte sie ihren Kopf einpacken.“
– „Shady Lady“ geht gar nicht, Sonnenbankopfer, der Spiegel auf der Bühne ist dreckig, „Wenn sie durch ihren Körper gewinnen will, soll sie bitte nackt singen. Das ist sowas von inkonsequent.“, GEHT GAR NICHT!

Frankreich
+ nur 13 Worte sind französisch, Frauen mit Bärten, Jesus kommt in einem Golfcart auf die Bühne und singt dann das Lied, die Windmaschine betont seine hohe Stirn, wie in den Siebzigern, Sonenfinsternis, eine Show wie von Bob Ross gemalt, 1A und super

extra: keine Minuspunkte, einfach das Beste bis jetzt

Aserbaidschan
+ gießt Blut aus einem Kelch auf die Tänzerin, Sänger könnte von der Rügenwalder Würstchenmühle oder dem König der Löwen sein
– Kastratentyp in Engelsflügeln, muss den Laptop weglegen, um nicht in die Tastatur zu speien, Echo auf das Lachen gelegt, Kleiderwechsel von der Blinden geklaut

Griechenland
+ Poseidon hat den Song geschrieben, der Meeresgott persönlich, Heimatland des Patros
– „my secret combination is a mystery for you“, schon wieder mit Umkleidtrick

Spanien
+ Elvisperücke und Kindergitarre, ganz lustiges Lied
– der Ansatz, sich über Sommerhits lustig zu machen stinkt

extra: schafft es auf den persönlichen dritten Favoritenplatz

Serbien
+ der Flötist
– Franziska van Almsick und Regina Halmich scheinen sich in der Sängerin zu vereinen, Großteil der Lyrics besteht aus „ohohohahahaha“, Herr der Ringe-Anleihen

extra: „wenn man nur Bürgerkrieg in seinem Land hat, kann man einfach wunderbar traurige Balladen komponieren“, Gastgeberbonus

Russland
+ „Die Stradivari hört man aber auch!“, der Geiger trägt Chucks
– Eiskunstläufer, man kauft sich sogar Timbaland als Produzenten, klingt nach jedem x-beliebigen Song von Justin Timberlake, der arme Sänger kann sich keine Schuhe leisten, russisches Englisch klingt scheisse, offenes Hemd beim Sänger, Eiskunstläufer hat mehr Ausdruck als die Anderen zusammen

Norwegen
+
– geschminkte Oberarme, „why ain’t anybody lovin‘ me“ findet bei uns eine klare Antwort: Deine dicken Oberarme, mit amerikanischem Fernsehen aufgewachsen

extra: hübscher als die Schwedin, sieht trotzdem aus, als wenn sie grad aus der Schlange vorm Matrix kommt

ENDE DURCHLAUF

Vlade Divac sticht die Kommentatoren mit seinem Englisch aus.

FAZIT:

Unsere Favoriten sind weit abgeschlagen, das ganze Ding ist ein abgekatertes Spiel, die No Angels heißen jetzt nach der BZ wohl „Null Angels“, es lohnt sich immer eine Bulgarin im Haus zu haben, besonders Skandinavien/Nordeuropa war enttäuschend, mal sehen, was nächstes Jahr kommt.

Sneak Preview: Fleisch ist mein Gemüse

Es gibt Neues aus dem Kino. Leider nichts Gutes. Der Mann, der bei Grissemann und Stermann im Auto saß und den größten Fremdschämfaktor dargestellt hat, hat jetzt seinen gleichnamigen Bestseller (wie das passieren konnte ist mir auch ein Rätsel, muss wohl der gute Titel sein) verfilmen lassen (mir fällt auf, er hätte es auch „Fremdschämfaktor“ nennen können).
Ich gebe Befangenheit zu, ich hatte nämlich im Vorfeld keine Lust diesen Film zu sehen, wußte da aber noch nicht warum. Das Beste, was man wohl über „Fleisch ist mein Gemüse“ sagen kann ist, dass Katja Riemann nicht mitgespielt hat. Ansonsten vereint dieses Werk sehr viele unangenehme Momente, platten Witz und falsche Dramen. Auch meine positive Einstellung den nordischen Dialekten gegenüber konnte da nicht viel rausreißen und der Schluß war ja, ja, was war der eigentlich? Vielleicht kam der einfach fünf Minuten zu spät und zu konstruiert, auch wenn er ja die Konstruiertheit offenlegen wollte.

Wie dem auch sei, ich kann nur hoffen, dass das Buch besser war und empfehle jedem, der eben jenes mochte, nicht ins Kino zu gehen, das kann nur zu bitterer Enttäuschung führen. 1 von 5 BE, weil es sicher immer noch schlechter geht und ich vielleicht dreimal Lachen musste.

Schneekettentempo

Eigentlich will ich irgendwie mal auf ein zwei Sachen hinaus, die mir während des diesjährigen Winterurlaubs eingefallen sind, aber dann merke ich immer wieder, dass da ja auch andere Sachen noch davor passiert sind und dann weiß ich immer nicht, ob ich mir selbst vorweggreifen sollte oder doch besser chronologisch durch die Ereignisse jage. So mache ich das auf jeden Fall jetzt erst mal noch für den Moment, wer weiß, wohin mich meine Ungeduld dann letztlich treibt.

Am dritten Tag in den Alpen hat Orkantief Emma, wenn man so sagt, uns im Griff und den Gletscher geschlossen gehalten. Und irgendwie wohl auch ein paar andere Skigebiete, weshalb alle Menschen auf EINE andere Anlage gehen mussten. Dementsprechend voll war es dann auch. Eine Tageskarte ab 12 Uhr für diesen Spaß auf dem Berg mit dem sprechenden Namen „Schlick 2000“ kann man, logischerweise, erst ab 12 Uhr kaufen, macht ja auch Sinn. Schließlich können diese Infrarot- oder RFID-Maschinen ja keine Daten von diesen Plastikkarten abfragen. Es wird wohl noch ein weiter Weg sein bis wir bei der Utopie angekommen sind, wo ein Gerät mit unsichtbaren Strahlen eine verschlüsselte Uhrzeit abfragen und mit der aktuell eingespeisten Weltzeituhr abgleichen kann, um daraufhin eine Tür entweder zu öffnen oder geschlossen zu halten. Ich wünsche meinen Enkeln, dass sie diesen Tag erleben werden.

Später hatte ich dann noch das Glück ein längeres Stück Lebensweg mit ein paar Engländern zu gehen, in einer Gondel. Einer Gondel, die auf einer Strecke mit durchschnittlicher Fahrzeit von 5 Minuten mehrmals für 2 – 5 Minuten stehen blieb. Dabei haben wir viel von einander gelernt. Also eigentlich nur ich von ihnen und das auch nicht unbedingt freiwillig. Auf jeden Fall waren Darling und Honey an Board. Und diese beiden mögen es, Bier zu trinken und zu kochen. Und zwar genau in der Verteilung, dass sie kocht und er trinkt, aber bitte nicht so viel, dass er nachher das Essen nicht mehr zu würdigen weiß. Ein anderer Begleiter berichtete davon, dass er immer Schweissfüsse kriege, wenn er Sylvester Stallone als Cliffhanger oder andere Stilikonen in ähnlichen Situationen fast vom Berge fallen sieht. Die Köchin findet das so schockierend, dass sie meint, auch noch einmal die restlichen Unzulänglichkeiten des armen Schwitzfusstropfes durch unsere wackelnde Gondel schreien zu müssen: „Du stinkst im Schlaf, schnarchst und deine Füsse fangen an zu schwitzen, wenn du einen Actionfilm siehst! Wie hält deine Frau das mit dir aus?“

Oh…Und ich traf Roland, der geistesgegenwärtig die ganze Situation in folgende treffende Worte zusammenfassen konnte: „In der Stadt sieht man sich nie und dann trifft man sich im Stubaital!“ Auch sein „Wir sehen uns ja dann“ bewahrheitete sich nachdem ich aus der englischen Gondel kam, verrückte kleine Skifahrwelt.

Am Ende das Tages tun einem dann Stellen weh, von denen man nicht wusste, wo sie eigentlich sind und man spürt Muskel von denen man nicht glaubte, sie zu haben.

Herr Hashimotos Gespür für Sitzplätze

Wie vor Kurzem ja berichtet, gab es vom Internetfernsehbetreiber zattoo eine Einladung, doch mal bei deren Deutschland-Launch-Party vorbeizuschauen und das ein oder andere Getränk mitzunehmen. Das liessen wir investigativ angehauchten Teilzeitjournalisten uns natürlich nicht zwei Mal sagen und so kam es dann zu Folgendem.
22.10.2007, 21:30 Uhr Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Berlin – Prenzlauer Berg.
Im Vorderhaus scheint ein Skandinavier wieder zu wenig Tageslicht abbekommen zu haben und deshalb ein seltsames Theaterstück geschrieben zu haben, auf das wir später noch einmal eingehen werden. Durch den Hof, auf dem absolute Schweigepflicht herrscht, geht es ins Hinterhaus und an den Akkreditierungsstand von zattoo. Die Einladungen gingen an viele, doch nur, wer sich auch auf diese Mail zurück gemeldet hatte, sollte an diesem Abend Einlass gewährt bekommen. Ein Mann, der vermutlich sein gesamtes Studium damit retten konnte, dass er alle von seinem Prinzip Nadelöhr überzeugen konnte, erklärte einer danebenstehenden Dame eben jenes in Bezug auf die EInlasskontrollen. Er sagte: „Das ist unser Nadelöhr“. Also einmal kurz vorstellig geworden, sich abstempeln lassen und weiter zu den beiden Damen, die mit ihren randvollen Prosecco-Tabletts den Durchgang nicht ganz versperrten, aber doch erschwerten. So nötig haben wir es dann doch nicht, dass wir hier gleich mal zulangen, wir holen uns lieber ein Glas vom Tresen während grad niemand zuschaut. Und weil das Erste immer am schnellsten alle ist, noch eins hinterher. Noch wird wild aufgebaut und irgendwie will diese konstruierte Wohnzimmeratmosphäre mit Couchen auf dem Podest nicht ganz zur zweiten Version des Internets passen, aber der Gedanke dahinter hat sich ja nahezu aufgezwungen, deshalb ist das wohl auch verzeihlich. Da aber die Werkeleien so wirken, als wenn sie noch lange nicht abgeschlossen wären, wird das Glas gegen eine Flasche Augustiner getauscht und der Ballsaal gegen frische Luft. Auf der Pappelallee schon mal nach dem letzten fahrenden öffentlichen Verkehrsmittel gesehen und dabei festgestellt, dass einer der zattoo-Gründer (im Folgenden nur Herr Hashimoto) gerade erst mit einem Schwall euphorisierter Mitarbeiter aus einem Etablissement und also vom Abendessen kommt und somit wohl noch weitere Zeit bis zu einer offenen Ansprache bleibt.
Herrn Hashimoto und dem Haufen dann unauffällig folgend geht es zurück Richtung Ballhaus und kurz nach dem Eintreten der Truppe ein weiteres Spektakel. Echte Fernsehprominenz versucht sich in der Großstadt zu orientieren. Standesgemäß mit der Taxe bis vor die Haustür gefahren kommt der Kachelmann, steuert zielbewußt auf das Werk des Skandinaviers von oben zu und bittet um Einlass in die fiktive Klinik für Amnesiepatienten. Nach einem kurzen Geplänkel in Germanoenglisch geht es stramm weiter auf der Pappelallee, nur in falscher Richtung. Doch was ein echter Wetterkartenleser ist, der findet auch hier schnell raus, dass ausgeschaltete Lampen in geschlossenen Kneipen nicht ganz das sind, was man für den Abend gesucht hat. Also Kehrtwende und ab auf den Hof und durch und rein ins Vergnügen. Lassen wir Herrn Kachelmann mal für den Moment beiseite und erwähnen nur kurz, dass auch er uns später, nicht im Ringelpullover vor dem Klo in Konversationen vertieft (da gab es ihn auch und ich bereute, extra mein geringeltes Longsleeve ausgezogen zu haben), sondern noch viel später wieder begegnen wird.
Inzwischen ist es eine gute Stunde später als noch oben. Der Saal hat sich ansehnlich gefüllt, eine wenig talentiert erscheinende junge Dame hat mit einer Art Medleygesang begonnen und mit einem kleinen Trick (immer schön undeutlich sprechen) hat sich auch David hereinmogeln können.

Einlassdame: Wie heißt du?
David: David?
EInlassdame: David, wie weiter?
David: Meyer.
Einlassdame: Das ist ein sehr schwieriger Name. (Und sie notiert irgendetwas ausserhalb der normalen Felder, der Stempel wird aufgedrückt und Einlass gewährt.)

Wir besorgen uns Schlüsselbänder 2.0 und Biere, setzen uns auf das Podest und greifen auch mal eine Schmalz- und ein Salamistulle ab. Der Gesang der Dame von vorhin wird besser. Und das ganz objektiv, denn ihr Äußeres hat sich durch den Alkoholkonsum nicht verbessert, Beweis also angetreten, sie scheint sich warm gesungen zu haben. Nur mit der Stimmungsmache klappt es nicht so gut, ein Glück, dass ihr einziger Versuch in dieser Richtung auch ihre letzten Worte an das Publikum waren „Und jetzt noch viel Spasssss…“ kommt einfach mal genau so gut an wie „Seid ihr alle da“ und „Ich will eure Hände sehen“, schwierige Gewässer also.
Jetzt ist also Zeit für Herrn Hashimoto, noch einmal auf den Plan zu treten. Ein paar warme englische Worte, ein Lächeln und die Erkenntnis, dass ich nicht mehr weiß, was er gesagt hat, da kann nicht viel Substanz dahinter gewesen sein. Der Schweizer danach, der sich mit den Worten „Ich bin Schweizer“ vorstellte konnte da immerhin noch eine Pointe bringen. Wir wären von einem Peer-to-Peer- zu einem Bier-to-Bier-Netzwerk gekommen, drei Leute schaffen es nicht, sich nicht auf die Schenkel zu klopfen und ab dafür. Das war der zattoo-Launch von offizieller Seite. Nichts weiter, keine Präsentation, keine Slideshows, kein Internet im ganzen Haus, irgendwie so etwas wie nichts. Das hatten wir uns dann doch irgendwie anders vorgestellt, aber warum auch etwas bewerben, was alle Anwesenden ja schon eine Weile kennen?
Da der Abend aber noch nicht zu Ende war und inzwischen auch ein leidlich talentierter Mensch ein paar Schallplatten über sein iTunes laufen ließ, machten wir es uns auf einem weichen Hocker bequem, bevor es auf die Empore ging. Herr Hashimoto hatte sich inzwischen ein neues Getränk geben lassen und schwänzelte ein wenig durch die Gegend auf der Suche nach einem Sitzplatz, der ihm jedesmal mit den Worten „Nee, da sitzt schon wer“ verwehrt wurde. Er lächelte daraufhin und ging wieder seines Weges, doch uns brach es das Herz, wir wussten, wenn wir nichts für ihn tun würden an diesem Abend, dann würde es niemand tun. Oben angekommen waren dann ein paar Stühle und Tische aufgebaut, Tischdecken aufgezogen und anscheinend der Nachwuchs der zattoo-Macher mit Alkoholschem versorgt worden. Das war ein sehr trauriger Anblick. Ein halber Hahn in ein zu großes Sakko gesteckt checkte mit dem hobbymässige Max Buskohl-Double nach jedem unfallfrei herausgebrachten Wort. Und als sich auch noch unproportionierte Heranswachsende mit an den Tisch gesellten begann der Balztanz, wurden Getränke geholt und knieend serviert. Wenn man sich jetzt schon schwer vorstellen konnte, wie sagenhaft häßlich die dazugehörigen Eltern aussehen mussten, verbot sich jedweder Gedanke an eine Paarung dieser Opferanoden vom Nachbartisch. Deshalb traten wir lieber die Flucht auf die Couch an und David konnte Herrn Hashimotos Abend retten, als er ihn an der Bar anstehend nach weiteren Promo-T-Shirts befragte und dieser sich bedauernd entschludigen musste, sie hätten leider nicht genügend einstecken.
Für uns wurde es jetzt langsam Zeit, die Segel zu streichen, also sämtliche Habe geschnappt und wieder die Treppen hinunter, um an der unteren Bar noch eine flüssige Wegzehrung abzugreifen. Diese habe ich dann leider wenige Häuserecken später aus meiner Hand auf den Boden gleiten lassen, wo sie zerschellte, aber über einen Mangel an Bier kann ich mich an diesem Abend ja nun wirklich nicht beschweren.
Einer der letzten Eindrücke, wie mir Tags darauf klar wurde, war dann noch einer der traurigsten an diesem Abend, vielleicht noch trauriger als Herrn Hashimotos Stuhlunglück. Auf jeder Party gibt es zu äusserst fortgeschrittene Stunde immer ein Paar oder eine Gruppe, die mit einer unglaublichen Zielstrebigkeit an der absolut beschissensten Ecke der Lokalität die Ärsche parkt. Beschissen nicht nur, weil diese Stelle mit im Weg ist und man also immer beinahe über diesen Haufen aus Mensch klettern muss, beschissen auch und vor allem, weil es die Ecke ist, in der sich a
usgeschüttete Getränke und Zigarettenreste zu sammeln flegen. Und genau in dieser Ecke und dieser Menschenverkettung saß jetzt der arme Herr Kachelmann und versuchte an ein Getränk geklammert einer bizzaren weiblichen Gestalt etwas zu erklären. Worüber sie sprachen, keine Ahnung, es wird vermutlich nicht das Wetter gewesen sein.

Abende wie Dieser

Da sitze ich nun. Ein Tisch im hintersten Winkel, eine rote Kerze die tiefgründige Skulpturen aus ehemals flüssigem Wachs bildet, eine leere Kaffeetasse, eine wie immer bis auf einen jämmerlichen Buchstaben gelöstes Kreuzworträtsel aus der Tagespresse und in Erwartung des ersten georderten Flensburger Pilseners, in einem hoffentlich eckigem Glas. Tja, so weit so gut, wären da nicht noch die anderen Gestalten um mich herum. blieh blahh blupp. Gestalten die wohl im Gegensatz zu mir die Welt messerscharf erfassen können und sie seit Anbeginn durchschaut haben…

„die fiktoria bäkhäm ja, die hat voll die akne…ich mein was ist das denn für ein typ ja…da erzählt die schlampe so ein scheiß rum…ich erkenne sone typen sofort…das hab ich doch voll nicht nötig…männer sind sowieso so, wie ich gesagt hab, ja das die krass der meinung sind und die sind ehh so, das haben mir schon voll viele gesagt“

…um nur einen kleinen Teil dieses sinnfreien Monologs der Tante, nicht mal 2Meter neben mir, zusammen zu fassen…

da sitz ich nun immernoch. Der Eine in Wien mit seinem Herzblatt, der Andere am Rande der Stadt mit seinem Herzblatt um die Großmutter zum Aniversarium zu beglücken…

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20min. später: langsam wird es Haarig, die Tante redet und redet. Während das arme Geschöpf an ihrem Tisch, den mitlerweile 3 Cuba Libre in sich hinein schüttet, bleibt der Pegel der Quatschtante konstant am Eichstrich. Mir bleibt kaum eine Wahl, tue es der Kositzerin gleich und bestelle einen weiteren Gedankentöter.

kopflos

Neben der Documenta #12

Kassel
Kassel, du Perle Hessens – mit Multiplex und Fußgängerbrücke.

Das hier ist übrigens von der, wie ich aufschnappen konnte, im Volksmund „Beamtenlaufbahn“ genannten Brücke herab fotografiert. Alle mit einer Spreerundfahrt vorbei am Paul Löbe-Haus im Rücken wissen, in Berlin gibt es die „höhere Beamtenlaufbahn“.

Ein klarer Pluspunkt der Documenta, auch wenn man das von Konzertkarten oder Tickets für Sportveranstaltungen irgendwie schon so gewöhnt ist, war, dass man den Kasseler öffentlichen Nahverkehr auf gewissen Linien für umsonst nutzen konnte. Das lässt man sich dann auch als mit dem Auto angereister, vor allem aber mit Blick auf die Parkgebühren im Innenstadtbereich, nicht nehmen.
Also rein in die Linie 1 und gefühlt einmal von West nach Ost durchgefahren. Und vielleicht lag es ja an der gefahrenen Himmelsrichtung, vielleicht aber auch nicht, aber ich muss sagen, ich bin erleichtert, dass es das auch im Westen der Republik gibt. Schreiend dumme Kinder! Mädchen, die im Idealfall die 14 Lenzen schon touchieren, aber sicher nicht mehr. Und davon eine kleine Horde, na gut, sie saßen in meinem Rücken und können vielleicht auch nur zu fünft gewesen sein, aber was man sich darüber aufregen und in welcher Lautstärke man durch die Bahn schreien kann, wenn man bei einer der Besagten plötzlich Kondome in der Tasche findet, das ist sensationell. Für das arme Mädchen sicher hochpeinlich und wer weiß, ob jetzt nicht in ihren kleinen Köpfchen ein Schalter umgelegt wurde, der sie bis zu ihrem 54ten Lebensjahr nicht an Geschlechtsverkehr in wirklicher Praxis denken lässt.
Die beiden dann zugestiegenen Vierjährigen konnten auf jedenfall ihre Beine stiller halten und sich auf einem ebenso hohen Niveau verständigen wie die Mädels hinter mir und das sollte einen doch zuversichtlich stimmen. Im Westen ist nicht alles besser, die Kinder sind genauso stumpf und die Musik ballert auch da gnadenlos und verzerrt aus den Mobiltelefonen. Das macht einem die Heimfahrt auch gleich viel leichter.

Illustrative #2

Ganz im Gegensatz zur Documenta ist die Illustrative 2007 eine absolute Empfehlung. Illustratoren, Künstler, Comiczeichner und ähnliche Kreative, die irgendwie alle eine Bindung an Berlin in ihrem CV zu haben scheinen, stellen dort ihre aktuellen Arbeiten vor. Das ganze geht noch bis zum 16.09.07, also nicht mehr ganz so lange, wenn man also in dem schmalen Zeitfenster noch etwas Platz finden sollte, dann ab dahin. Für 5 € ist man dabei, kann sich auf drei Etagen umtun und ist dabei auch nicht der Gefahr der Reizüberflutung ausgesetzt. Einzig im Aktionsraum sollte man ein wenig vorsichtig sein. Als ich dort war, haben gerade einige Künstler ihr Projekt Hamlet X vorgestellt und mich doch arg in Fremdschäm-Bedrängnis gebracht mit ihrer aufgesetzten Selbstironie und dem an falschen Stellen wiederum übertriebenen Ernst.

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Arbeiten von David Foldvari (links) und Mone Maurer (rechts)

Auch bei der Illustrative gibt es einen netten Ausstellungskatalog zu erwerben, dieser aber für nur 7,50 €, war also irgendwie ein Pflichtkauf nebenher.
In einem Sonderraum kann man dann auch noch mit Handschuhen an den Fingern in ein paar aktuellen Illustrationspublikationen blättern, sich einen schonen „Illustrative“-gebrandeten Faber-Castell-Bleistift mitnehmen und daran zweifeln, dass Textildrucke von noch so schönen Illustrationen wirklich für über 50 € weggehen müssen.

Fremdschämen #02

Ludwigsburg, 25.08.2007 – Das Dorf Ludwigsburg in der Nähe meiner Heimatstadt Greifswald und noch viel näher an Loissin und dem ehemaligen AKW Lubmin feierte 800-jähriges Bestehen. Wie jedes Jahr, so sagte man mir, gibt es in dem Örtchen ein Sommerfest, dieses Jahr nun ein umso größeres.

Auf dem Dorfanger waren Bühne und Zelte aufgebaut und der Filterkaffee schwappte nur so vor Freude aus den viel zu kleinen aber dafür fröhlich bis zum Rand hoch gefüllten Becherchen. Eine Volkstanzgruppe präsentierte unterschiedlich schwierige Tänze aus den letzten drei Jahrtausenden und schraubte sich in seinen Leistungen bis hoch zum gefürchteten „Wolgaster„, bei dem immer zwei Mann und den Armen zweier anderer hindurchtanzen mussten. Das ist Provinz, das ist hart zu ertragen, sorgt aber vielleicht noch für eine gewisse Belustigung.

Die eigentliche Reifeprüfung der Widerstandsfähigkeit war aber die groß angekündigte Modenschau. Nun, was darf man sich darunter vorstellen? Der Städter mag im ersten Moment an wenig inspirierte Kleidungsstücke aus Altpapier und Cola-Dosen aus der Zeit vor der Pfandeinführung denken, doch weit gefehlt. Im Norden lebt das Center und kein Center, das sich Center nennen darf ohne einen centereigenen Adler-Modemarkt. Und man ahnt es schon, genau dieser führte die Modenschau durch. Talentfreie Modelle, die interessanterweise trotz Grünschnäbligkeit alle schon „alte Hasen auf dem Laufsteg“ waren, wie die Abteilungsleiterin von Adler nicht müde wurde zu erwähnen. Und so durften sich all die Kevins, Mikes, Chantalles und Veronikas selbst Outfits zusammenstellen und zeigen, dass sie schon immer die schönsten auf dem Acker waren. Dazu wurde intonationsfrei und fern von Begeisterung ein Text runtergespult, der immer wieder die Dauerhaftigkeit und den enormen Tragekomfort von zeitlosen Baumwollstrickereien lobte.
Und am Rande waren diejenigen, die nicht schon seit halb neun Uhr morgens Rum in den Tee rührten damit beschäftigt, die Zehennägel verzweifelt zusammen mit dem ganzen Fuß abzunagen, die sich mit jedem weiteren präsentierten Dress schmerzlich nach oben rollten.

Fremdschämen #01

Der WahrheitAls ich neulich Germany’s next Topmodel sah. Mh..da könnte man sich jetzt für mich Fremdschämen..egal. Also, als ich das sah, und die Sendung hat ja nun nicht gerade wenig Schämpotenzial, da standen ein paar dieser jungen Damen auf einem Dach in..äh..Dortmund oder Bangkok, je nachdem was da die Hauptstadt von Thailand war (die haben das Quiz nicht aufgelöst!) und Bruce war mächtig unzufrieden mit dem Laufstil der Anwärterinnen. Er sagte: I want glamour! Und mit irgendwie einer wohl schon bekannten Handbewegung wies er die Mädels an, mal eben zu wiederholen, was er grad sagte, damit das bei allen auch wirklich ankommt. Die Modelrunde begann also lauthals zu rufen: Bruce want glamour! Da kann man jetzt einzeln gratulieren. Gehen wir also ins Detail: Bruce, die erste Hürde ist geschafft, wir haben das I durch ein dem zuvor sprechenden Herren adäquaten Rufnamen ersetzt, hundert Punkte; want Ja, da bleibt dem Zuschauer erst mal die Spucke weg, bevor einem wieder einfällt, was man eigentlich sagen wollte: Waaaaaaaaaaaaaaaaaaah! Third person -s. Unglaubliche Kopfschmerzen. Das sowas passieren kann, im deutschen Fernsehen. Selbst wenn das mal passiert, aber dann schneide ich das doch raus und sage den Damen, dass sie das ganz ganz natürlich aber bitte noch einmal sagen sollen und dann diesmal in RICHTIG!
Aber man weiß ja nicht, obwohl, bei einigen weiß man schon, dass die 18 sind und noch zur Schule gehen und wann war das noch gleich, als man gesagt bekommen hat He, She, It, das ’s‘ muss mit! Allerspätestens sechste Klasse würde ich behaupten. glamour! muss dann nicht weiter kommentiert werden, da scheinen die Guten begriffen zu haben, was er wirklich will. Aber eigentlich sind es ja eh immer nur glamour oder sexy, sexy, sexy, die da als Hammerclaims aus seinem Mund sprudeln. Nun ja, so war das. Und mir drehen sich noch immer die Zehennägel hoch, wenn ich daran denke.
Da fällt mir ein, was macht eigentlich Salma Hayek, die war doch auch mal Model, ist die jetzt schon über vierzig?