Tag 4 – New York – These boobs are made for walking

alternativer Titel dieses Eintrags: Zum Stuhlgang geht es auf den Gang!

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Einer von sechs New Yorkern ist kleinwüchsig. Doch sind sie im öffentlichen Bewusstsein viel präsenter als etwa in Deutschland. (aus dem noch unveröffentlichen Lehrbuch »Statistiken selber ausdenken«, dem Kompendium zum »Lexikon des Halbwissens«)

An diesem Tag zeigte sich uns New York von seiner unangenehmsten Seite. Es war nass, es war kalt und egal in welche Richtung man lief, der Schnee peitschte einem unaufhaltsam ins Gesicht. Ein guter Tag also, um mit einem ausgiebigen Frühstück zu starten und dann zu hoffen, dass die Sonne wieder rauskommt, wenn man nur schön ordentlich aufessen würde. Dinah hatte uns im Vorfeld der Reise den Shake Shack im Madison Sq. Park empfohlen und der sah auch sehr nett aus, nur leider war es mehr ein Stehimbiss als ein Diner. So waren wir schon wieder von der 30th St. bis zum Flat Iron Bldg. gelaufen (ein Weg, der sich als unsere meistgelaufene Strecke in NY herausstellen sollte), ohne dass an Frühstück zu denken war. Da es so nicht weitergehen konnte und im näheren Umkreis kein Diner zu erspähen war haben wir uns in die U-Bahn gerettet und sind zur Grand Central Station gefahren, wo wir uns der anarchischen Treppensitzer erfreuen konnten und dann recht schnell wieder im Regen standen.

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Viele New Yorker können nicht richtig lesen, empfinden es aber als Bedürfnis, an verregneten Tagen auf Steintreppen zu sitzen. (siehe: »Statistiken selber ausdenken«)

Da wir uns auf diese Gegend weder moralisch noch mit einem Stadtplan vorbereitet hatten ging es eher hilflos die Straßen auf und ab. Im Bryant Park stand ein großes, weißes Zelt aus dem unaufhörlich Bumm-Bumm-Mucke schallte und wir waren einen Moment lang unsicher, ob das Ganze Teil der New York Fashion Week sein könnte. Die Antwort gab es dann gut anderthalb Monate später von Heidi Klum und ihren Mädels. Eine von ihnen (vermutlich war es Neele, von der Armin behauptet, sie habe als einzige in dieser Staffel Charakter, was übersetzt bedeutet, ihre Nase ist etwas größer als die der anderen…) muss ungefähr zu der Zeit über den Catwalk stolziert sein, als wir uns draußen haben beregnen lassen. Und wer weiß, vielleicht sind wir den »Mädels« ja sogar auf der Straße begegnet, und haben diesen Haufen johlender junger Frauen versehentlich für peinliche deutsche Touristen gehalten, obwohl eine von ihnen, und nur eine, demnächst das Cover der deutschen Vogue zieren wird und einen Modelvertrag mit…ach, ich glaube ich bin in dieser Staffel irgendwie raus, wenn ich schon nicht mal mehr die Hauptsponsoren zusammenbekomme.

Da wir inzwischen das gefühlt doppelte unseres Körpergewichtes an Regenwasser aufgenommen hatten entschieden wir uns dafür, den Bus zu nehmen und bei Kofi Annans alter Wirkungsstätte vorbeizuschauen. Das United Nations Bldg. ist dann aber für sich genommen schon eher trostlos, aber an einem Regentag und ohne Beflaggung schlichtweg traurig. Einziger Lichtblick war eine Gruppe junger Menschen, die gegenüber dem Gebäude munter Flyer verteilten, die um finanzielle und moralische Unterstützung dreier im Iran verloren gegangener amerikanischer Touristen baten. Prinzipiell mag das ja ein unterstützenswertes Projekt und das damit verbundene menschliche Schicksal dramatisch sein, aber irgendwas in uns musste immer wieder an das alte sorbische Sprichwort denken: Wer im Iran wandern geht, der muss sich dann auch nicht wundern.

Der aufmerksame Leser wird sich jetzt am Kopf kratzen und fragen: Zwei Absätze und nicht ein Wort von einem Omelett? Was ist denn bloß aus den Früstücksplänen der beiden geworden?
Keine Sorge. Sie sind Wirklichkeit geworden. In einem Diner an der E 44th St./2nd Ave.

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So sah dann das (wohlgemerkt!) Frühstück nach einem langen Marsch aus.

Der Tip für alle Reisenden schlechthin ist wohl der Folgende: Esst regelmäßig, esst gut und vor allem, lauft nicht erst einen halben Tag durch ein Viertel der zu besichtigenden Stadt, um dann eine Lumberjacksteak-Pita zu bestellen. Das geht sich in den meisten Fällen nicht gut aus.

Und wenn wir schon bei Tips sind, dann sei jedem wärmstens empfohlen, sich einen Starbucks-Nickname zuzulegen, der vom amerikanischen Gehirn problemlos geparst werden kann. Sonst kann es passieren, dass aus Armin schnell mal Armil oder ähnliches wird (trotz redlicher Bemühungen den Bart vom Modus »Verbrecher« auf »Ziviler Ungehorsam Marke ’68« zu stutzen) und aus einem Konrad wird ein Chris. Wie auch immer das passiert ist. Leider wurde Armin dann schnell zu Chris‘ Friend, obwohl er sich erst kurz zuvor Raymondo von Zwetschgenburg zu Kille-Kille-Hausen oder etwas dem nahekommendes als Becheraufschrift zurechtgelegt hatte.

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Eine der harmloseren Beleidigungen, die wir über uns ergehen lassen mussten.

Gesättigt und mit einem Eimer schönem heißen leckeren Kaffee in der Hand galt es, ein neues Verkehrsmittel auszuprobieren und so schwangen wir uns in die Seilbahn an der Queensboro Bridge, mit der man nach Roosevelt-Island gelangt. Die einzige Frage, die dabei unbeantwortet bleiben musste war, warum diese Seilbahn überhaupt existiert. Denn Roosevelt Island zeichnet sich neben einer U-Bahn-Station und einem Rundbus in erster Linie dadurch aus, dass dort eine Seilbahn verkehrt, ansonsten kann man froh sein, wieder von der Insel zu kommen, ohne selbst Hand an ein Ruder legen zu müssen.

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Dem entsprechend kurz war unser Aufenthalt dort und so ging es per U-Bahn zurück nach Manhattan und vor das Solomon R. Guggenheim-Museum. Ein imposanter Bau, ein modernes Museum und einer der Orte in der Stadt von dem bisher ausnahmslos jeder, den ich gesprochen habe zu berichten wusste, dass man doch tunlichst draußen bleiben sollte. Die Sammlung im Inneren könne wohl in keinster Weise den schmerzlichen Eingriff ins Portemonnaie ausgleichen, der vor einem Einlass vorgenommen werden müsste. Mit einem HotDog in der Hand kamen wir uns also ziemlich gut vor, als wir dieser Aufforderung Folge leisteten und trabten dann allmählich zum Bus in der 5th Ave. mit dem es zurück ins Hotel ging.

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Da aber auch an klimatisch traurigen Tagen etwas Verrücktes unternommen werden muss, gab es ein paar ekelerregende Brausen zu probieren und vor allem das Getränk mit den Kaffee-Reminiszensen wollte nur schwerlich drinnen bleiben. Da aber etwas Ekelhaftes im Körper immer noch besser ist, als säuerlicher Geruch im Hotelzimmer war die Marschrichtung klar.

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Trotz der eindeutigen Warnungen haben wir uns waghalsig an diese Getränke herangetraut. Und ähnlich wie das Root Beer in San Francisco waren die beiden Brausen auf eine seltsame Art lecker.

Und weil wir uns nach so viel Ausruhen etwas wirklich Gutes verdient hatten, ging es abends in einen kleinen mexikanischen Imbiss, der uns unglaublich leckere Burritos bereitete. Der »Great Burrito« in der 23rd St./6th Ave. war wirklich eine Entdeckung und sei hiermit jedem wärmstens empfohlen.
Nichts ist schöner als nach einem nass-durchfrorenen Tag ein gutes Abendbrot zu genießen und vor dem Bett noch einen Alternativ-Kaffee zu genießen. Naja, beinahe nichts. Ein schnell zubereiteter Kaffee eventuell, aber vermutlich lag das Alternative dieser Tasse schwarzen Goldes mehr in seiner dreistündigen Zubereitung als in seinem Geschmack.

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Über den Salat sagte Marcel Reich-Ranicki einst, er wäre »grauenhaft«, aber an den Burrito kommt so schnell nichts ran.

Veröffentlicht von konrad.

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1 Kommentar

  1. Ich ruf Kofi Annan an wenn ich Ordnung will,
    wenn es nach mir geht gibt es Uniformen nur noch im Pornofilm.

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