Der (vermeintliche) Weg ins Glück

Da es dieser Tage wieder einmal einen richtigen Batzen Geld im staatlichen Lotto zu gewinnen gibt (und wir trotz aller guten Vorsätze und bemühter Zahlenmystiken und Geburtsdatenprüfungen vergessen haben, zu tippen), jetzt noch ein Klassiker aus dem Hause Differentialdiagnose. Die Geschichte von unserem vermeintlichen Weg ins Glück.

Wie so viele vor uns und vermutlich auch noch viel mehr nach uns, kamen wir eines Tages auf die Idee, dass ein probates Mittel aus der Armut ein überraschender Gewinn in der Staatslotterie sein könnte. Und weil wir nicht dumm sind, dachten wir uns, spielen wir erst mit, wenn es wirklich viel zu gewinnen gibt. Und das gab es dann auch. 37,6 Mio. €. Das ist gar nicht so leicht mal eben ausgegeben, auch nicht, wenn man das Ganze auf drei aufteilt. Naja, dachten wir uns, über den Kampf ist noch fast jeder ins Spiel gekommen. Und wir ahnten auch noch nicht, dass sich die Frage relativ schnell erledigt haben, als wir Samstag Abend beieinander saßen und uns fragten, warum Franziska Reichenbacher eigentlich so perfide grinsen muss, wenn sie die drei Maschinen anmoderiert, die die paar Bälle da durcheinanderwerfen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es bei uns von der ersten gezogenen Zahl an richtig scheiße lief. Aber irgendwie kamen dann doch zwei zusammen, die irgendwie richtig waren und die Aufregung stieg. Zumindest bei der Couchfraktion mit direktem Blick auf den Spielzettel. Und denn kam es so, wie es kommen musste, noch eine Zahl war richtig und Freude groß, weil das ja die Zusatzzahl war und die Zusatzzahl, das weiß jedes Kind, gibt noch mal richtig Knete dazu. Jetzt mag der aufmerksame Leser und erfahrene Lottospieler hier schon mal insistieren und aufschreien, mit den Armen rudern und irgendwie das Mikrofon an sich reißen wollen, weil … na weil Pustekuchen, sagen wir hier noch nicht, weil es ja Leute gibt, die wie wir sind und mit denen sind wir dann unten. Naja, das haben wir zumindest früher immer versucht, uns zu vergewissern, aber wer will eigentlich unten sein? Ist unten nicht immer da wo die Lottomillion nicht ist und sowieso, es wurde ja auch Herbst und dann ist es unten kalt und dunkel. Auf jeden Fall war das dann so, dass wir ja schon große Pläne hatten oder nach der Ziehung machten, aus heutiger Sicht kann das keiner mehr so genau sagen und wenn doch, dann zumindest nicht ich, und haha, das Problem ist ja, dass ich das hier schreibe. Ja. Also es sollte eine schöne Schiffsreise auf der Spree dabei für uns rumkommen, sollten ja auch mal schlappe 30 Eier werden, die einem da auf die Kralle gelegt werden. Wahlweise kann man dreißig Euro auch immer gut in zehn Portionen Curry/Pommes Schranke (ab hier dann nur noch CPS, später bestimmt mal in einem Glossar nachzuschlagen) investieren. Man merkt also, die Pläne waren so vielseitig wie unklar, aber wen schert das, wenn man reich ist? Also reicher als wie zuvor. (Gibt es eigentlich eine goldene Regel für Leute, die ‚als wie’ sagen? Sowas in der Art von ‚Trenne nie st, denn es tut ihm weh!’? Ich wäre dankbar für Hinweise. Aber eigentlich war ich woanders. Ja, richtig.) Samstag Abend ist es, und wir sind Lottogewinner, im kleinen zwar nur, aber man beschwert sich ja nicht mehr. Das Problem ist jetzt nur, es ist Samstag Abend. Die Leute die vorhin schon alles verraten wollten, dürften jetzt sogar mal frei schreien, denn Samstag Abend, das ist so ziemlich der absolut beschissenste Zeitpunkt für jeden, der Geld gewonnen hat, weil man a. nicht weiß wie viel und b. viel schlimmer, schon mal gar nicht an das Geld herankommt. Irgendjemand kam nämlich auf die glorreiche Idee, zu bestimmen, dass die Lottoangestellten sonntags nicht arbeiten dürften und da hören die natürlich drauf und dann eiert der Computer da im dunklen Kämmerchen die Zahlen durch und erst am Montag Nachmittag darf man dann erfahren, wie die Quoten aussehen und wie viel dabei rumkommen würde und so weiter. Lassen wir also mal den durchaus warmen Moment in einer kalten Nacht, als drei junge Männer unter sternenklarem Himmel beieinander saßen beiseite und auch den darauf folgenden Sonntag.
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Diese Linie wäre nicht nur genau richtig, um einen Fortsetzungsroman zu trennen und so die Umsätze zu erhöhen, indem man die Leser dazu zwingt sich noch eine Ausgabe zu kaufen, diese Linie bedeutet auch, dass hier meine eigentlichen Notizen aus dem Herbst letzten Jahres enden. Dadurch begebe ich mich auf Glatteis, denn ab jetzt wird wirklich rein aus dem Gedächtnis erzählt und wenn ich mich an etwas erinnere, dann wie es im Film heißt, häufig lieber auf meine Art als so, wie die Dinge wirklich passiert sind. Man verzeihe mir also Ungenauigkeiten und genieße das hier als eine Geschichte, eine Fabel oder auch moralinsaure Erzählung.
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Es ist also inzwischen Montag Nachmittag und der Computer hat treu das Wochenende durchgearbeitet, Zahlen und Gewinner ausgegeben und sich sicherlich auch unsere Quote zurechtgelegt. Also trafen wir uns, um gemeiniglich unseren Gewinn einzustreichen. Wir waren komplett ausgerüstet und hatten sogar eine Kamera dabei, um die strahlenden Gesichter auf unserer Seite und das weinende Auge des geschröpften Tabak- und Lottoverkäufers nahtlos dokumentieren zu können. Also auf zum Atem, rein in den Laden, reich wieder raus. Der angestellte Weizenbiertrinker nahm unseren Spielschein entgegen, wir zückten die Kamera und … Zackkkk!

„Na, da habt ihr ja ’nen richtigen Fahrschein geschossen!“

schallte es uns entgegen. Unverständnis auf unserer Seite und die Erklärung, die folgte. Wir hatten zwei Richtige und die Zusatzzahl, das sind drei Zahlen, soweit richtig. Gewinne gibt es aber erst ab, wie es heißt, drei Richtigen mit Zusatzzahl. Hierbei bedeutet mit nicht mit sondern plus und das muss einem doch erst mal gesagt werden. Spätestens jetzt war es doch ganz große Scheiße, den Schein nicht verschüchtert bei einem unbekannten Gesicht abzugeben, sondern großspurig bei einer Pappnase, die man so ziemlich jeden Tag sieht.
Und das war dann so ziemlich das Ende vom Lied. Von dem Tag an ging es mit unseren Lottoerfolgen kontinuierlich bergab, es gab keine zwei Richtigen in einer Reihe mehr, wir waren dazu übergegangen, mit sinnlosen Zahlenkombinationen so wie beinahe alle anderen auch den Jackpot in die Höhe zu treiben und nichts einzustreichen. Und jetzt sind 26 Mio. € im Jackpot und wir haben nicht einmal mehr einen Spielschein abgegeben. Da sind einem die Konsequenzen doch beinahe bewußt: Kurz nach 19:55 Uhr wird in einer unserer drei Nachbarwohnungen das Knallen von Sektkorken zu hören sein und das allzu nahe Glück wird in der Nähe bleiben und doch so fern. Man unterschätze nie die Macht der Redensarten!

Veröffentlicht von

konrad.

Eighty percent of success is showing up.

Ein Gedanke zu „Der (vermeintliche) Weg ins Glück“

  1. Dieser Moment hatte wirklich ein 23 Jahre bestehendes Weltbild zerstört!

    Ich möchte hiermit die deutsche Lottogesellschaft anprnagern, denn:
    1. „mit“ =! „plus“. „mit“ ist „mit“ also inklusive. plus wäre „und“. Also müßte es immer lauten: „Dreier und Zusatzzahl“
    2. Wie bekloppt ist es denn, daß ein Sechser weniger wert ist als ein Fünfer mit (und) Zusatzzahl?
    3. wie bekloppt ist es denn, da? ein Sechser mit Superzahl nicht so viel wert ist wie ein Fünfer mit Zusatzzahl + Superzahl. Wozu gibts denn dann diese bekloppte Superzahl? war das früher auch schon so??

    STUHL!

    Hierzu fällt mir nur gerade ein, wie ich erfahren habe, daß es sowas wie Lotto gibt. Man erinnert sich ja selten wie man in seinem Leben mal wichtige sachen beigebracht bekommen hat. Es muß so 1987 oder 1988 gewesen sein Sommerferien bei meinen damals noch fitten großeltern, als meine Oma sagte:

    Heute abend kommt wieder das Geld im Fernsehn.

    Naja.

    Trotzdem Stuhl.

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