Auf Kleists Spuren

Heute war ein guter Tag, um mal mit einer Tageszeitung und einem tragbaren Kaffee ausgerüstet loszuziehen und ein wenig Zeit an der frischen Luft zu verbringen. So dachten wir uns das und so taten wir es dann auch. Auf unserem Weg kamen wir an einem kleinen Stapel ausrangierter Bücher vorbei, von denen wir einige zur genaueren Durchsicht erst einmal mitnahmen. Darunter war ein kleines Reclam-Büchlein in der Spezialausgabe speziell für die Brigitte gedruckt. Es war Heinrich von Kleists „Die Marquise von O…“!
Ein Titel der gewinnend ist, aber sicherlich noch mehr gewinnt, wenn man ihn sogleich laut vorliest, denn was da entsteht ist eine Markise von einem oder einer O… und sowas hat ja nun ein jeder. So auch David, der sich sofort an seinen Großvater erinnert fühlte und an dessen Dauerbrenner-Story von der Wandermarkise, die ihn schändlicherweise immer in der Sonne und manchmal im Regen stehen lässt. Sie hätte damals einfach ein paar Zentimeter weiter rechts angebracht werden müssen, so das großväterliche Credo. Dass das nicht so ohne weiteres möglich war und auch heute nicht ist, da der Balkon trapezförmig ist und sich somit an der Wandverjüngung nichts mehr anbringen ließe nimmt dem Unmut hier keineswegs sein Feuer.
Genau in Augenschein genommen ist dies natürlich eine höchst dramatische Geschichte, die auch ein Heinrich von Kleist in ein Heftlein von 54 Seiten Stärke hätte ummünzen können. Und wenn man sich die erste Seite mit etwas Wohlwollen und kleinen Veränderungen betrachtet, so merkt man, dass es durchaus ein Sonnenschutz und keine edle Dame hätte sein können, von der er damals zu berichten wusste. Dort heißt denn auch (in der mit den nötigen kleinen Änderungen versehenen Lesart):

Die Markise von Opa

(Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden)

In M…, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitterte Markise von Opa, einem Herren von vortrefflichem Ruf, und Vater von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: dass sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, […]

Veröffentlicht von

konrad.

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Ein Gedanke zu „Auf Kleists Spuren“

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